ich will mich verteidigen

Ich lege allen Interessierten ans Herz, hören sie sich im Bekannten- und Freundeskreis im. Es werden garantiert Menschen dabei sein, die Kampfsport, Kampfkunst (einige Betreiber legen grossen Wert auf diese Unterscheidung) oder Selbstverteidigung betreiben. Hören Sie sich an was diese Personen machen. Hören Sie sich an, was sie dort alles lernen. Aber geben sie nichts, absolut nichts darauf, wenn diese Personen sie zu überzeugen versuchen, dass gerade das was sie machen, perfekt und ganz alleine Ihr Sport zur Selbstverteidigung geeignet ist.

Zum einen wird man nie zugeben, dass man Jahre verschwendet hat und nicht wirklich etwas gelernt hat. Zum anderen hat man häufig keinen Vergleich, weill man nur dieses eine gelernt hat. Ausserdem wird man von einem gut ausgebildeten Lehrer darauf eingestellt, dass man sich verteidigen kann, denn man bekommt Trainingszenarien vorgestellt, die man perfekt beherrscht, die aber eigentlich unrealistisch sind.

Ich habe selber jahrelang einen nahezu kontaktlosen Kampfsport betrieben und fühlte mich gut auf körperliche Auseinandersetzungen vorbereitet. Als ich irgendwann einmal selber Training an einem Boxsack (Sandsack) machte stellte ich nach den ersten Schlägen fest, dass das überhaupt nicht mit meinem Training zu vergleichen war und ich stellte selber komplett in Frage, ob ich auch nur die geringste Chance hätte, in einer realistischen Auseinandersetzung bestehen zu können.

Ich gebe jedem folgenden Ratschlag: überlegen sie sich selber, an welche Situationen, in denen man sich selbst verteidigen muss, können sie sich aus den Nachrichten erinnern. Welche Situationen können Sie sich selber und für Ihre Familie vorstellen, in die sie geraten können. In welchen Situationen waren sie vielleicht schon, in den sie sich unwohl gefühlt haben, sogar Angst hatten? Behalten sie all das im Kopf.

Nun begleiten sie Bekannte oder Verwandte zu deren Training. Oder gehen sie zu einem Training von dem sie gehört haben. Jeder Trainer, der nicht nur aufs Geld verdienen aus ist, wird sie mehrmals kostenfrei mittrainieren lassen, damit sie sich selber ein Bild machen können. Nehmen sie dieses Angebot an, beobachten sie auch die anderen, die dort trainieren. In aller Regel lernen fortgeschrittene Schüler anspruchsvollere Techniken. Und übertragen sie das gelernte und gesehene auf die Situationen in Ihrem Kopf. Würde Ihnen das helfen, sich aus diesen Situationen zu befreien? Wenn ja, bleiben sie dabei. Wenn nicht, suchen sie weiter.

Eine wirklich praktikable und realistische Selbstverteidigung sollte meiner Meinung nach folgende 3 Kriterien erfüllen:

1.) sie sollte schnell erlernbar sein. Was hilft es uns, wenn wir heute beginnen etwas zu lernen, uns aber erst in etwa 2 Jahren verteidigen können

Im Karate lernt man beispielsweise zu Beginn, wie man Schläge abwehrt. Hier stehen sich die Trainingspartner gegenüber, einer greift mit einem Schlag an, der andere wehrt diesen einen Schlag ab. Dabei ist die Schlaghöhe genau vorgegeben.Langsam geht es im Training weiter. Später lernt man, wie man Schläge abwehrt, deren Schlaghöhe man nicht kennt. Die Reaktion wird also geschult. Noch später lernt man im sogenannten „Kumite“, wie man gegeneinander kämpft. Die Partner stehen sich gegenüber, jeder wartet auf seine Chance, einen Treffer zu landen. Hier reden wir aber von mindestens 2 Jahren Training, um sich dann gegen einen – auch unerwarteten – Schlag oder Tritt zu wehren.

Das Training im Taekwon Do läuft noch etwas anders. Man lernt auch hier schlagen und abwehren. Allerdings hauptsächlich, weil es zur Tradition des Taekwon Do gehört und weil es auf Gürtelprüfungen erwartet wird. Ansonsten lernt man hauptsächlich Tritte, die auch hauptsächlich zum Kopf zielen, denn auf Wettkämpfen erzielt man damit die meisten Punkte. Dazu kommen noch sogenannte Bruchtests, um seine Kraft und Treffsicherheit zu demonstrieren. Aber auch diese werden nur auf Prüfungen verlangt. Mit den Jahren lernt man höher zu treten, schneller zu treten, gezielter zu treffen und kräftiger zu treten. Auch hier benötigt man mehrere Jahre, um eine gewisse „Kampfqualität“ zu erreichen.

Judo lehrt richtig zu fallen, bzw. den Gegner auf verschiedenste Weise zu Boden zu bringen. Schlagen und treten wird im Judo nicht unterrichtet. Im Normalfall wird man gehalten oder angegriffen, nimmt die Kraft des Gegners dabei auf und leitet sie weiter, indem man seine Kraft nicht stoppt. Stattdessen leitet man sie in einen Hebel oder Wurf um, bringt den Gegner zu Boden. Auch hier benötigt man längere Zeit, um unerwartete Angriffe umsetzen zu können.

Im Wing Tsun oder ähnlich geschriebenen Stilrichtungen wird oft von den sogenannten „klebenden Händen“ gesprochen. Grob beschrieben bedeutet das, dass man, wenn man einmal Körperkontakt zum Gegner hat, diesen nicht mehr abreissen lässt. Dadurch erfühlt man man die Bewegung, die der Gegner ausführen wird. Man spürt, ob und wohin er schlagen wird. Weiter lernt man auch zu schlagen, im WT schwerpunktmässig sogenannte Kettenfauststösse. Das bedeutet, dass man, wenn man einmal begonnen hat zu schlagen, nicht mehr damit aufhört. Zieht sich der Gegner zurück, folgt man ihm schlagend. Auch Tritte lernt man im WT, allerdings nur sehr niedrig, nicht in Kopf- oder Oberkörperhöhe.

Im Krav Maga lernt man schlagen, sowie die Abwehr von Schlägen. Dabei handelt es sich um gerade Schläge, Haken, Aufwärtsschläge. Ausserdem lernt man Tritte und die Abwehr derselben. Hier wird auch nicht hoch getreten, sondern gegen spezielle Schmerzpunkte wie Knie, zwischen die Beine oder den Unterkörper. Dies wird im Sparring, dem freien Kampf, vertieft. In aller Regel kämpft man mit minimaler Schutzausrüstung, wie Kopfschutz, Tiefschutz und Schienenbeinschutz. Je nach Verein auch mit Unterarmschutz. Im Krav Maga wird auch der Kampf gegen mehrere Gegner gelehrt und die Abwehr von Schlag-, Stich- und Schusswaffen. Zusätzlich wird Bodenkampf unterrichtet, um sich auch am Boden wehren zu können.

2.) sie sollte praktikabel sein. Lernt man in bequemen Trainingssachen artistische Techniken, ist die Frage, ob diese im Ernstfall, ohne Dehnübungen in normalen Strassenklamotten abrufbar sind.

Karate ist eine Mischung aus Schlägen, Tritten und Abwehrtechniken. Die Tritte gehen in der Regel zum Körper oder zum Kopf. Man trägt dabei einen weiten und bequemen Anzug, der ein Maximum an Bewegungsfreiheit ermöglicht. Wenn sie einen Karateverein besuchen, schauen sie sich das Anfängertraining an. Dies wird sie mindestens das erste Jahr begleiten, wahrscheinlich länger. Schauen sie sich die Techniken an und beurteilen sie selber, ob diese Techniken auch funktionieren, wenn sie statt dem bequemen Karateanzug eine enge Jeans, Sneakers oder als Frau hochhackige Schuhe tragen.

Im Taekwon Do herrschen hohe Tritte vor. Alle anderen Techniken werden in den meisten Vereinen nur am Rande behandelt. Überlegen sie, ob diese hohen Tritte in normaler Strassenkleidung machbar sind.

Wing Tsun unterrichtet in bequemer Sporthose und T-Shirt. Techniken werden nur in erreichbarer Höhe ausgeführt. Hier spricht nichts gegen einen Strasseneinsatz.

Auch Krav Maga unterrichtet in bequemer Hose und T-Shirt. Es werden Schläge und Tritte in normaler und erreichbarer Höhe ausgeführt. Um diese zu vertiefen wird Sparring gemacht. Krav Maga nimmt für sich in Anspruch, eine reine Selbstverteidigung zu sein. Auch hier spricht nichts gegen einen Strasseneinsatz.

3.) das Training sollte realistisch sein. Techniken die man lernt, die aber nur genauso funktionieren, bei Variationen des Angriffs nicht mehr, sind unrealistisch

Zuletzt noch einmal der Hinweis. Grundsätzlich ist jede Form der Selbstverteidigung besser, als keine Selbstverteidigungskenntnisse zu haben. Trotzdem schauen wir einmal auf die üblicherweise in der Realität vorkommenden Angriffe.

Wenn man jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, ist es möglich, dass dieser plötzlich und unerwartet zu einem Schlag ausholt. Diese Form des Angriffs kann allerdings nahezu vernachlässigen.

Schon häufiger ist es, dass die Person plötzlich zu einer Reihe von Schlägen ausholt und auf uns einprügelt, immer und immer wieder.

Besonders feige sind hinterhältige Angriffe, bei denen man unerwartet von hinten geschlagen, getreten oder gewürgt wird. Geht man zu Boden, wird man weiter getreten. Diese Art des Angriffs ist viel häufiger als gedacht und besonders feige, weil sie keine Möglichkeit bietet den Angriff im Vorfeld zu sehen.

Messerangriffe sind leider inzwischen auch traurige Realität. Dabei gibt es – wie bei den anderen Angriffen – alle 3 Möglickeiten. Im Streit zieht der Gegenüber plötzlich ein Messer und sticht zu. Vielleicht nur einmal, vielleicht immer wieder.

Alternativ kommt er schon mit einem Messer auf uns zu. So können wir schon im Vorfeld sehen, was er vor hat.

Den dritten Angriff, unerwartet und von hinten können wir vernachlässigen. Kein Trainer dieser Welt wird uns hier eine wirkungsvolle Selbstverteidigung beibringen können, eine Abwehr ist einfach unmöglich.

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