Kondition

Betreibt man Kampfsport, bekommt man es als Beigabe in der Regel einfach dazu. Betreibt man reine Selbstverteidigung, wird es – leider – häufig unterschätzt. Die Sache mit der Kondition.

Im Kampfsport wärmt man sich aufgiebig auf, man dehnt sich, man läuft um warm zu werden und Verletzungen durch das Training zu vermeiden. Trainiert man reine Selbstverteidigung, wird Kondition häufig unterschätzt. Manchmal überschätzt der Trainer die Fähigkeiten des gelehrten Systems aber auch hoffnungslos. Er verkauft das dann damit, das Kondition bei „seiner“ Selbstverteidigung nicht nötig ist. Schliesslich ist das System so ausgereift, man verteidigt sich so schnell und der Gegner ist so schnell kampfunfähig, da konzentriert man sich doch lieber auf das erlernen der Techniken, statt wertvolle Zeit mit Konditionstraining zu verschwenden.

Das Internet ist voll mit realistischen Gewaltvideos. Natürlich gibt es auch welche, bei denen der Angreifer mit einer Technik kampfunfähig gemacht wird. Meist sind das spontane Angriffe ungeübter Personen. Der Regelfall ist aber, dass jemand immer wieder auf uns einschlägt. Dem müssen wir in der Selbstverteidigung etwas entgegen setzen. Ein aggressiver Angreifer wird nicht nach einem oder zwei Schlägen aufgeben. Er wird weiter auf uns einschlagen. Da kann es durchaus sein, dass wir uns 20-30 Sekunden mit ihm auseinander setzen müssen. Was sind schon 20 oder 30 Sekunden? Viel mehr Zeit als sie sich vorstellen. Haben sie zufällig jemanden im Bekanntenkreis, der einen Boxsack hat? Oder einen Kampfsportler mit einem grossen Schlagpolster, einer sogenannten Pratze? Bitten sie darum, 30 Sekunden darauf einschlagen zu dürfen. Aber nicht einen Schlag, etwas warten, wieder einen halbherzigen Schlag, wieder warten und so weiter. Geben sie 30 Sekunden Vollgas. Schlagen sie immer wieder darauf ein, so schnell es geht und so kräftig es geht. Schon nach der Hälfte der Zeit werden sie feststellen, das sie die Kräfte verlassen und sie deutlich langsamer werden.

Stellen sie sich vor, mehrere Personen bedrohen sie. Man sieht, die wollen nicht Ihr Geld und ihr Handy. Wenigstens nicht nur. Vor allem ist ihnen langweilig und sie suchen ein dankbares Opfer. Da kommen sie gerade Recht. Natürlich können sie sich auf einen Kampf einlassen. Aber ist es nicht klüger, sich umzudrehen und wegzulaufen? Flucht ist in diesem Fall keine Feigheit, sie zeugt eher von Intelligenz. Aber wie wollen sie fliehen, wenn sie schon nach 50 Metern ausser Atem sind? Nach 100 Metern bekommen sie Seitenstiche. Nach 150 Metern hat sie einer der Schläger eingeholt. Sie haben eine Chance, Mann gegen Mann, aber sie sind so ausser Atem…

Das ganze kann auch in einer Unterführung oder einem U-Bahnhof passieren. Erschwerend kommt nun hinzu, dass sie nicht nur weglaufen, sondern Treppen hinauf laufen müssen. Wer denkt, das sei doch kein Problem, dem empfehle ich, sich eine Treppe mit 30-40 Stufen zu suchen. Die laufen sie so schnell sie können hinauf. Dann gehen sie sofort wieder runter und laufen erneut hinauf. Das ganze 3x. Sie sind nun zwischen 90 und 120 Stufen gelaufen, immer mit einer kleinen Pause dazwischen. Wie fühlen sie sich?

Wenn sie auf der Suche nach einer geeigneten Selbstverteidigung auf Ausbilder treffen, die Kondition und Durchhaltevermögen für überflüssig halten, würde ich ihnen raten, suchen sie weiter, trainieren sie nicht dort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.